Der Schreckens-Hort von München an der Heinrich-Böll-Straße

München. Die Liste der Vorfälle und Nachlässigkeiten ist lang und keineswegs vollständig, wie der Elternbeirat des Horts im Kinder-Tages-Zentrum Heinrich-Böll-Straße feststellt. Von pädagogisch-konzeptionellen Mängeln bis hin zur Verletzung der Aufsichtspflicht und Gefährdung des Kindswohls reichen die jetzt in einem Schreiben an die „Betriebsleitung Kindertageseinrichtungen“ des Vereins Kinderschutz München erhobenen Vorwürfe. Kinder, so heißt es in dem Brief an den Trägerverein, „haben inzwischen Angst, in den Hort zu gehen“.

Eigenmächtig mit Nichtschwimmern an die Isar

In einem von acht Mitgliedern des Beirats unterzeichneten Brief vom 1. Juli 2017, dessen Kopie unserer Redaktion vorliegt, werden massive Vorwürfe gegen das Betreuungspersonal erhoben, die mehrere Eltern zur Kündigung der Betreuungsverträge bewogen haben. In einem besonders gravierenden Fall wurde der Vertrag wegen Verletzung der Aufsichtspflicht sogar fristlos gekündigt. Am 14. Juni war mit den Kindern ein Ausflug an die Isar unternommen worden. Zu diesem Vorhaben waren die Eltern entgegen den üblichen Gepflogenheiten nicht schriftlich informiert worden. „Ein Einverständis der Eltern lag somit nicht vor“, wie der Beirat feststellt. Entsprechend war auch nicht abgefragt worden, ob die Kinder überhaupt schwimmen können. An der Isar gerieten nach übereinstimmenden Aussagen der Hortkinder fünf Kinder – zum Teil Nichtschwimmer – in die starke Strömung der Isar und konnten sich daraus nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Sie mußten von der einzigen in der Nähe befindlichen Betreuerin in Sicherheit gebracht werden. „Die anderen vier Betreuer standen am Ufer und leisteten keine Hilfe“, heißt es in dem Brief wörtlich.

Die Hortleitung – uneinsichtige und unfähig

Auch nach diesem Vorfall machten die Betreuer keine Anstalten, die Kinder am erneuten Aufsuchen des Wassers zu hindern. Der Vorfall stellt nach Ansicht des Elternbeirates eine „gravierende Verletzung der Aufsichtspflicht“ dar, welche das Wohl der Kinder unmittelbar gefährdet habe. Eine der betroffenen Familien, deren gerettete Tochter auch noch Nichtschwimmerin ist, hat nach dem Vorfall die Reißleine gezogen und den Betreuungsvertrag fristlos gekündigt. Möglicherweise hat genau dieser Schritt jetzt einen Stein in’s Rollen gebracht, der sich zur Lawine ausbreiten und die KiTa an der Heinrich-Böll-Straße unter sich begraben könnte.

Was der Hortleitung ebenfalls angekreidet wird, ist der Umstand, daß von dieser Seite versucht worden war, den Mantel des Schweigens über den Vorfall zu breiten: die Eltern waren auch im Nachgang nicht über den Vorfall  vom Personal der Einrichtung informiert worden. Erst durch Erzählungen der Kinder haben die Eltern davon erfahren. Was ebenfalls in’s Bild paßt, ist der Umstand, daß trotz entsprechender Bitte der Eltern das Geschehen mit den stark verunsicherten Kindern nicht aufgearbeitet wurde.

Kinderaufsätze bringen Licht in’s Dunkel

In dem Schreiben berichtet der Elternbeirat von weiteren Fällen und greift dabei auch in das Jahr 2016 zurück. So heißt es unter anderem, daß auf der Ferienfahrt 2016 zwei Kinder in einem Schwimmbad vergessen worden waren, was erst nach Abfahrt des Busses bemerkt wurde. Auch hier erfuhren die Eltern erst durch Erzählungen und Aufsätze der Kinder über die Ferienfahrt davon und nicht durch das Personal.

Völlig durchnäßt – na und?!

Über einen Vorfall aus dem Mai diesen Jahres wird jetzt der Trägerverein informiert, machten die Kinder einen Spaziergang zu einem Spielplatz, obwohl ein Gewitter aufzog, vor dem es auf dem Spielplatz keinen Schutz gab. Die Kinder kehrten durchnäßt und teilweise verängstigt in die Einrichtung zurück.

In einer Abholsituation, der ein handgreiflicher Streit unter zwei Kindern vorausging, griff ein Verwandter des einen Kindes das andere Kind vor den Augen der Erzieher körperlich an. Es wurde nach Aussagen von Augenzeugen geschüttelt und bedroht. Das daneben stehende Personal griff nicht ein, um das Kind aus der Situation zu befreien.

Betonplatten fliegen durch die Luft

Angesichts all dieser vom Elterbeirat jetzt gemeldeter Vorfälle, stellt das nächste Beispiel schon keine Steigerung mehr dar, obwohl auch hier die Gesundheit der im Hort untergebraqchten Kinder masiv gefährdet war: Ein Kind, daß unter medikamentöser Behandlung steht, hat auf dem Balkon der Einrichtung abgelegte Betonplatten vom Selbigen in den von den Kindern genutzten Gartenbereich geworfen. Der Bitte der Eltern, keine Betonplatten auf dem Balkon zu lagern, wurde nicht Folge geleistet. Leider, so der Elternbeirat, „hat sich der Vorfall inzwischen wiederholt. Die Betonplatten liegen noch immer auf dem Balkon“. Am 29. Juni, also erst vor wenigen Tagen wurde das genannte Kind unbeaufsichtigt allein im Hort gelassen, weil es früher von seinen Eltern abgeholt werden sollte.

Verletzung nicht ernst genommen

Mit maßlosem Staunen und Verständnislosigkeit über eine bislang nichterfolgte angemessene Elternreaktion nimmt man als Außenstehender dann noch von diesem Vorfall Kenntnis: Ein anderes Kind trug nach einer körperlichen Auseinandersetzung eine Verletzung im Genitalbereich davon. Trotz der wiederholten Klagen des Kindes über Schmerzen, wurde die blutende Verletzung vom Hortpersonal nicht ernst genommen. Erst die Mutter entdeckte bei der Abholung des Kindes die Verletzung.

Regenmäßig komme es zudem zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Kindern, so der Beirat. In einem Fall endete dies sogar mit der Einlieferung eines Kindes in ein Krankenhaus. Die Kinder berichten ihren Eltern, daß es in vielen Fällen keine angemessenen Konsequenzen für die Täter gegeben hat.

„Selbstjustiz“ gegenüber Kindern

Das Prädikat „pädagogisch besonders wertvoll“ möchte man diesem Ereignis zubilligen: In einer Abholsituation, der ein handgreiflicher Streit unter zwei Kindern vorausging, griff ein Verwandter des einen Kindes das andere Kind vor den Augen der Erzieher körperlich an, so die Schilderung jetzt im Bericht an den Verein Kinderschutz. Das Kind wurde nach Aussagen von Augenzeugen geschüttelt und bedroht.

Das daneben stehende Personal griff nicht ein, um das Kind aus der Situation zu befreien. Im Gegenteil, auch das Personal bedient sich offenkundig zwischendurch körperlicher Übergriffe. So wurde ein Kind von einem Betreuer in den „Polizeigriff“ genommen und mit Gewalt auf einen Stuhl gedrückt. Das Kind versuchte, nachdem es wieder frei war, daraufhin vom Telefon der Einrichtung die Polizei zu rufen und wurde vom Personal daran gehindert. Dieses Geschehen verängstigte auch andere in der Situation anwesende Kinder.

„Blühende Phantasie“ und bedauerliche „Einzelfälle“

Neben den Vorfällen selbst stört die Eltern der Umgang damit. Oft haben die Eltern nicht vom Personal der Einrichtung, sondern von Kindern oder anderen Eltern davon erfahren. So entstehen immer wieder unschöne Gerüchte über das Geschehen in der Einrichtung. Wenn Eltern gegenüber dem Personal oder der Einrichtungsleitung solche Vorfälle ansprechen, fühlen sie sich oft nicht ernst genommen. Häufig reagiere das Personal mit Beschwichtigungen und der Beteuerung, daß es sich um bedauerliche Einzelfälle handle. Oft heißt es auch, die Kinder hätten eine blühende Phantasie, obwohl sie zu Hause unabhängig voneinander über dieselben Vorkommnisse berichten, stellt der Beirat fest. Die Briefschreiber: „Ein Wille zur Aufarbeitung der Fälle ist für uns nicht erkennbar“. Eine solche habe auch nach keinem der geschilderten Vorfälle stattgefunden.